Vortrag in Berlin in der "Urania"
am 16.10.2001
Prof. Josef
Weizenbaum:
Der Computer in der Schule - eine Katastrophe?
Professor Weizenbaum
begann seinen Vortrag mit dem Anreißen verschiedener Fragen, über
die er wohl jeweils Seminare für ein ganzes Semester halten könne,
die hier nur angerissen werden konnten:
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Ist
eine frühe Konfrontation mit Computern in der Grundschule notwendig
für einen erfolgreichen Einstieg in das Berufsleben?
Dieses Argument wird jedenfalls von vielen Eltern als ausreichende
Begründung für die Computerisierung des Alltags und der
Schulerfahrungen in der Grundschulzeit und vorher angesehen. |
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Wie
passt der Computer überhaupt in die Grundschule? Welche Ziele
sollen mit dem Einsatz von PCs erreicht werden? |
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Kann
man Computer zu früh zu Kindern bringen? Warum
ist der PC in der Grundschule eine Katastrophe? |
Im Folgenden führte
er unter diesen drei Grundfragen seinen Standpunkt aus.
Neue Medien haben
immer den Ruf gehabt, das Neueste, Beste für die Schule zu bringen.
Professor Weizenbaum hat als Kind der Radio-Ära genau das Gleiche
gehört wie die Kinder heute: das neue Medium, das Radio, wird das
Lernen vereinfachen, Sprachen werden sich leichter vermitteln, viel
spannendes Wissen wird auf unterhaltsame Art nähergebracht ("edutainment"),
der Umgang mit dem Medium ist auch als berufsvorbereitende technische
Maßnahme nicht mehr wegzudenken. Die folgenden Jahrgänge
hörten dies über das Fernsehen im Unterricht und als pädagogisches
Instrument, heute ist es der Computer und das Internet, die die Schule
unterhaltsam, das Lernen leicht und den Berufseinstieg erleichtern sollen.
Anwendungen neuer Technologien als Massenmedien sollten immer alle Probleme
der Schüler verschwinden lassen.
Aber: weder Radio
noch Fernsehen haben diese Hoffnungen erfüllt - warum soll dies
für Computer als das nächste Massenmedium anders sein?
In den USA hat heute
jedes Klassenzimmer einen Fernseher, die Schule zahlt dafür nichts,
da einmal pro Stunde eine Werbeeinblendung diese Versorgung finanziert.
Dass ca. 10% des Kaufpreises der beworbenen Produkte die Kosten für
diese "kostenfreie" Maßnahme wieder hereinholen, wird
nicht mitbedacht. Ebenfalls folgen auf die Gabe eines Gerätes Folgekosten
wie Wartung, Ersatzteile, Erweiterungen etc., vom allgemeinen Wertverfall
durch Alterung (was bei Computern besonders gravierend eintritt) einmal
abgesehen. Diese laufenden Kosten werden nicht mitberechnet, schlagen
sich aber im Schulhaushalt zu Buche: es fehlen Mittel für Lehrkräfte,
baulich-hygienische Maßnahmen, Lernmaterialien etc. In den USA
sind derzeit 1/3 der Gesamtbevölkerung "funktionale"
Analphabeten; d.h. sie können Straßenschilder lesen, aber
Inhalte einfacher Sätze nicht mehr richtig verstehen und aufnehmen.
Im Umgang mit Informationen
zählt aber nicht die Menge an Wissen oder die Leichtigkeit der
Verfügbarkeit, in erster Linie kommt es darauf an, diese Informationen
richtig verstehen und interpretieren zu können.
So sind PCs in vielen Situationen nützlich und hilfreich, aber
einseitig angewandt, richten sie Schaden an. Im Gesundheitswesen z.B.
gibt es viele Bereiche, die von der Präzision und den Informationsmengen
von Computern profitieren; die flächendeckende Versorgung in den
Institutionen hat die Leistungen des Systems in den USA jedoch so verteuert,
dass zunehmend die Ärmeren von der medizinischen Grundversorgung
abgeschnitten werden. Dies ist auch in Europa zunehmend der Fall.
Auch die Hoffnung,
dass frühzeitiger Umgang mit PCs die Kinder von heute auf die Berufswelt
von morgen vorbereite, kann bei genauerem Überlegen nicht mit Argumenten
belegt, sondern eher widerlegt werden: die schnelle Veraltung der Technik
spricht dafür, dass die heute angewendeten Systeme und Programmiersprachen
bis zum Berufseintritt der heutigen Kinder keine oder nur eine unwesentliche
Rolle spielen werden. Die Wartungskosten, die aber in den Schulen für
die Funktionstüchtigkeit der zunehmend veraltenden Geräte
anfallen, steigen trotzdem weiter. Dieses Geld könnte auch in die
Anstellung von weiteren Lehrern und Lehrerinnen gesteckt werden. Als
berufsvorbereitend ist im Zusammenhang mit Computern dann auch eher
zu einem Maschineschreibkurs zu raten bzw. zur Implementation des Maschineschreibenlernens
in die höheren Schulklassen.
Die Sekretärin, die früher mit einem Stift ein Formular ausgefüllt
hat, tut dies heute mit einer Tastatur in ein ausdruckbares Bildschirmformular.
Am Vorgang hat sich nichts geändert, nur die Ausführung ist
instabiler geworden (abstürzende Rechner, Übertragungsfehler
beim Drucken, Arbeitsstillstand bei Stromausfall). Darüber hinaus
kann alles berufsrelevante Wissen über den Computer in einem Sommerseminar
nach der Schule erlernt werden.
Es stellt sich die
dringende Frage, was man für das Geld, dass, wenn nicht in den
Erwerb, dann doch zumindest in die Wartung gesteckt werden muß,
auslagert, dies wirft die Frage nach den Prioritäten, den Zielen
der Schule auf.
Was ist das Allerwichtigste, was kommt danach? Und wie passen Computer
dort hinein?
Als Allerwichtigstes sieht Herr Weizenbaum überall und immer das
Lernen der eigenen Sprache, damit sie richtig gelesen und gesprochen
werden kann.
Dann ist aus Sicht
Herr Weizenbaums zu erinnern, dass der Mensch als hilfloses und unreifes
Wesen geboren wird, dass die Zeit bis zur Pubertät braucht, in
physischer und sinnlicher Hinsicht Erfahrungen zu machen, die auch als
Quelle der Sprache dienen - wenn ich etwas erlebe und es mitteilen will,
muß ich meine Fähigkeit der Wahrnehmung und des Ausdrucks
verfeinern. Kinder lernen durch Erzählen, durch Beschreiben von
Erlebtem, sie schulen selbst ihren Geist, wenn sie sich selber Witze
ausdenken, Fragen stellen, Situationen beurteilen, die sie in der Realität
erfahren haben.
Die Fixierung auf
die Neuen Medien führt durch den großen Erfahrungsverlust
zu einer Schädigung, die sich nicht direkt messen lässt, in
Hinblick auf das Fehlen von Erfahrungen aber eingängig und nachvollziehbar
ist:
In den USA sind Kinder im Alter von 4-10 Jahren am Tag durchschnittlich
4-5 Stunden mit Fernsehen oder am Computer, bevorzugt mit Spielen, beschäftigt.
In Hinblick auf die Möglichkeit, in dieser Zeit statt dessen in
Bäumen herumzuklettern, im Sand zu spielen, Wind und Wetter zu
erleben, mit anderen zusammenzusein, freies Spiel zu üben, sich
von der Wahrnehmung der Welt leiten zu lassen, ist diese Zeit "gestohlene
Zeit" vom Lebens der Kinder. Spätestens zum Eintritt der Pubertät,
in der auf der Wahrnehmungsebene die physikalischen/biologischen Grundlagen
des Körpers neuen Erfahrungen nicht mehr zugänglich und dadurch
veränderbar sind, ist die Möglichkeit, an der Welt zu wachsen,
in dieser Hinsicht verloren.
Das Kind lernt von den Eltern, den Computer und das Fernsehen als Hauptquelle
für das Wissen über die Welt anzunehmen. Die wirkliche Realität
wird weniger erfahren. Der Bildschirm wird zunehmend zur Quelle der
Wahrheit, andere Quellen werden ausgeschlossen. Die Möglichkeit
zur Beurteilung von Informationen schwindet ebenfalls durch den Mangel
an realen Erfahrungen.
Über den Verlust
der Möglichkeit, die Welt und ihre Inhalte selber und unvermittelt
zu erfahren, hinaus ist für Herrn Weizenbaum auch die persönliche
Botschaft, die Eltern ihren Kindern bei dieser Art der Mediennutzung
vermitteln, bedenklich: das Kind wird "an eine Kiste abgeschoben",
und dies bedeutet gleichermaßen "ich will mich nicht mit
dir befassen" - "ich will dich nicht".
Abschließend
kam Herr Weizenbaum noch einmal auf die Möglichkeiten der Schule
zurück, wie sie das derzeit in Computer investierte Geld anders
und effektiver im Sinne ihrer Ziele, vor allem des Spracherwerbs und
der Fähigkeit, aus Erfahrung gewonnene Fertigkeiten zur Informationsverarbeitung
zu erlangen, nutzen könne:
zum einen gibt es
gerade in Berlin neben einer Reihe von arbeitslosen Lehrern und Lehrerinnen
die ihnen gegenüber stehende Masse an Kollegen und Kolleginnen
in fester Anstellung, die aus Mangel an Beschäftigten ohne Bezahlung
die brachliegenden Stunden umsonst unterrichten sollen. Hier wäre
es wesentlich sinnvoller, durch Anstellungen die Unterrichtsausfälle
ohne Zusatzbelastung des Kollegiums auszugleichen.
Des weiteren fehlt
es an allen Ecken und Enden an Lernmitteln, die Bibliotheken haben kaum
noch Mittel, ihren Bestand zu aktualisieren. Vom Zustand der Gebäude,
die zum Teil völlig verwahrlost sind, ganz abgesehen (oder auch
die Praxis, gut beleumundete kleine Schulen in unübersichtliche,
anonyme große Schulen mit den nachfolgenden Problemen steigender
Gewalt- und Drogenkriminalität auf den Schulhöfen zu verwandeln).
Über die Anwendung
des Internets an Schulen erläuterte Herr Weizenbaum seinen vielzitierten
Ausspruch, dies sei ein Misthaufen - man könne aber auch Perlen
und Gold darin finden.
"Um vom Internet
Nutzen zu haben, muß man wissen, wie man etwas findet. Um etwas
zu finden, muß man gute Fragen stellen können. Eine gute
Frage ist wie ein Experiment in der Physik: man muß viel wissen,
man muß Erfahrung haben und man muß sein Ziel kennen.
Leider ist das Internet ein Massenmedium. Alle Massenmedien sind zu
90% Schrott."
Im Anschluß
an den Vortrag wurden einzelne schon beschriebene Punkte noch einmal
genauer beleuchtet und von Beispielen erhellt; so ist mir die Beschreibung
in Bezug auf die Nützlichkeit von Wissen über Computer sehr
im Gedächtnis geblieben:
Wenn man an einem eisigen Tag mit einem computergesteuerten Bremssystem
im Auto mit Herrn Weizenbaum durch die Berge fährt, verlässt
man sich dann darauf, dass er einem erklären kann, wieso das Bremssystem
jetzt nicht funktioniert, oder möchte man gerne wissen, ob er ein
erfahrener, wettersicherer Autofahrer ist? Dieses Beispiel erläuterte
noch einmal anschaulich den Aspekt des möglichen Nutzens fraglicher
berufsvorbereitender Computerkenntnisse aus der Schule im Gegensatz
zu praktischen Erfahrungen, die man auch in der Schule in verschiedenen
Bereichen erlernen könnte.
Eine weitere Frage
aus dem Publikum, die über die Gründe der inhaltlichen Kritik
und Ablehnung einer Technik Auskunft haben wollte, die Herr Weizenbaum
selbst mit entwickelt und gestaltet hat, wurde ebenfalls anschaulich
erklärt: die Anfänge des Internets waren eine Vernetzung von
verschiedenen Universitäten zum schnelleren Austausch und zur experimentell-rechnerischen
Arbeit. Es war kein Massenmedium, in dem "gechattet-gequasselt"
wurde, sondern selbst die Entwicklung von internetfähigen Computerspielen
zwischen einzelnen Wissenschaftlern erfolgte im spielerischen Versuch,
mathematische und physikalische Gesetzmäßigkeiten in ihrer
Anwendung auszuprobieren. So ergab sich über das Internet die Möglichkeit,
Erfahrungen zu machen. Herr Weizenbaum beschrieb, wie ihm bestimmte
physikalische Abläufe erstmalig aus dem Abstrakten in eine praktische
Vorstellung übergingen, erfahrbar wurden, als er für ein Spiel
eine bestimmte Berechnung entwickeln und anwenden musste. Dies ist auch
heute noch im Internet möglich, wenn man mit Wissen und einer zielorientierten
Frage herangeht. Aber dies ist eben nicht der Bereich, den das Massenmedium
abdeckt.
An weiteren Redebeiträgen
aus dem Publikum, die ihre positiven Erfahrungen in der Schularbeit
mit Computern beschrieben, konnte Herr Weizenbaum darlegen, an welcher
Stelle die Lehrer Wissen, Information und Erfahrung sowie Sprachfähigkeit
schon vorher aufgebaut hatte, so dass der Computer durchaus als "Perle"
im Unterricht glänzen konnte - was an den Lehrern und Lehrerinnen,
nicht am Computer lag.
Herr Weizenbaum
beendete seinen Vortrag und die Diskussion mit einem Satz zur grundlegenden
Haltung in seiner Arbeit und seinem persönlichen Engagement:
"Wir leben in einer Welt, die wir selbst hergestellt haben, und
wir sind für diese Welt auch verantwortlich".
Der Abend ging unter
anerkennendem Applaus für Herrn Weizenbaum zu Ende - und wurde
aus meiner Erinnerung heraus aufgezeichnet.
Berlin, im Oktober 2001
Helga Zeike
Die Persönlichkeit
von Professor Weizenbaum hat uns fasziniert. Er sprach sehr anschaulich
und schlicht, und vor allem die Anekdoten über die Zeit der ersten
Entwicklungen des Internets haben den Unterschied von "Perlen"
im "Misthaufen", wie er das Internet heute ironisch beschreibt,
deutlich gemacht. (Es ist schon ein Riesenunterschied, ob ein Medium
als Werkzeug mit inhaltsreichen Informationen genutzt oder als
Ablenkung und völlig ohne Kreativität und Inhalte benutzt
wird.)
Besonders seine Bereitschaft, kritisch mit seiner eigenen Wissenschaft
und den Produkten seiner Forschung umzugehen und sich nicht von politischen
oder wirtschaftlichen Interessen vereinnahmen zu lassen, ist bewundernswert
und motivierend. Er kann auch Zukunftspessimisten Mut zum aufrechten
Vertreten des eigenen Standpunktes verleihen - eine Notwendigkeit für
eine positive Entwicklung in der Gesellschaft im Umgang mit Medien allgemein
und dem Internet im Besonderen.