Josef Weizenbaum
* 1923 in Berlin, emigrierte 1936 mit seiner Familie in die USA. Er studierte Mathematik, arbeitete zunächst in der Industrie und erhielt 1963 einen Ruf an das Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, Massachusetts, wo er die Computersprache ELIZA schuf und an der grundlegenden Forschung und Entwicklung zu KI (Künstlicher Intelligenz) beteiligt war.




Vortrag in Berlin in der "Urania"

am 16.10.2001

Prof. Josef Weizenbaum:
Der Computer in der Schule - eine Katastrophe?

Professor Weizenbaum begann seinen Vortrag mit dem Anreißen verschiedener Fragen, über die er wohl jeweils Seminare für ein ganzes Semester halten könne, die hier nur angerissen werden konnten:

- Ist eine frühe Konfrontation mit Computern in der Grundschule notwendig für einen erfolgreichen Einstieg in das Berufsleben?
Dieses Argument wird jedenfalls von vielen Eltern als ausreichende Begründung für die Computerisierung des Alltags und der Schulerfahrungen in der Grundschulzeit und vorher angesehen.
- Wie passt der Computer überhaupt in die Grundschule? Welche Ziele sollen mit dem Einsatz von PCs erreicht werden?
- Kann man Computer zu früh zu Kindern bringen? Warum ist der PC in der Grundschule eine Katastrophe?

Im Folgenden führte er unter diesen drei Grundfragen seinen Standpunkt aus.

Neue Medien haben immer den Ruf gehabt, das Neueste, Beste für die Schule zu bringen. Professor Weizenbaum hat als Kind der Radio-Ära genau das Gleiche gehört wie die Kinder heute: das neue Medium, das Radio, wird das Lernen vereinfachen, Sprachen werden sich leichter vermitteln, viel spannendes Wissen wird auf unterhaltsame Art nähergebracht ("edutainment"), der Umgang mit dem Medium ist auch als berufsvorbereitende technische Maßnahme nicht mehr wegzudenken. Die folgenden Jahrgänge hörten dies über das Fernsehen im Unterricht und als pädagogisches Instrument, heute ist es der Computer und das Internet, die die Schule unterhaltsam, das Lernen leicht und den Berufseinstieg erleichtern sollen. Anwendungen neuer Technologien als Massenmedien sollten immer alle Probleme der Schüler verschwinden lassen.

Aber: weder Radio noch Fernsehen haben diese Hoffnungen erfüllt - warum soll dies für Computer als das nächste Massenmedium anders sein?

In den USA hat heute jedes Klassenzimmer einen Fernseher, die Schule zahlt dafür nichts, da einmal pro Stunde eine Werbeeinblendung diese Versorgung finanziert. Dass ca. 10% des Kaufpreises der beworbenen Produkte die Kosten für diese "kostenfreie" Maßnahme wieder hereinholen, wird nicht mitbedacht. Ebenfalls folgen auf die Gabe eines Gerätes Folgekosten wie Wartung, Ersatzteile, Erweiterungen etc., vom allgemeinen Wertverfall durch Alterung (was bei Computern besonders gravierend eintritt) einmal abgesehen. Diese laufenden Kosten werden nicht mitberechnet, schlagen sich aber im Schulhaushalt zu Buche: es fehlen Mittel für Lehrkräfte, baulich-hygienische Maßnahmen, Lernmaterialien etc. In den USA sind derzeit 1/3 der Gesamtbevölkerung "funktionale" Analphabeten; d.h. sie können Straßenschilder lesen, aber Inhalte einfacher Sätze nicht mehr richtig verstehen und aufnehmen.

Im Umgang mit Informationen zählt aber nicht die Menge an Wissen oder die Leichtigkeit der Verfügbarkeit, in erster Linie kommt es darauf an, diese Informationen richtig verstehen und interpretieren zu können.
So sind PCs in vielen Situationen nützlich und hilfreich, aber einseitig angewandt, richten sie Schaden an. Im Gesundheitswesen z.B. gibt es viele Bereiche, die von der Präzision und den Informationsmengen von Computern profitieren; die flächendeckende Versorgung in den Institutionen hat die Leistungen des Systems in den USA jedoch so verteuert, dass zunehmend die Ärmeren von der medizinischen Grundversorgung abgeschnitten werden. Dies ist auch in Europa zunehmend der Fall.

Auch die Hoffnung, dass frühzeitiger Umgang mit PCs die Kinder von heute auf die Berufswelt von morgen vorbereite, kann bei genauerem Überlegen nicht mit Argumenten belegt, sondern eher widerlegt werden: die schnelle Veraltung der Technik spricht dafür, dass die heute angewendeten Systeme und Programmiersprachen bis zum Berufseintritt der heutigen Kinder keine oder nur eine unwesentliche Rolle spielen werden. Die Wartungskosten, die aber in den Schulen für die Funktionstüchtigkeit der zunehmend veraltenden Geräte anfallen, steigen trotzdem weiter. Dieses Geld könnte auch in die Anstellung von weiteren Lehrern und Lehrerinnen gesteckt werden. Als berufsvorbereitend ist im Zusammenhang mit Computern dann auch eher zu einem Maschineschreibkurs zu raten bzw. zur Implementation des Maschineschreibenlernens in die höheren Schulklassen.
Die Sekretärin, die früher mit einem Stift ein Formular ausgefüllt hat, tut dies heute mit einer Tastatur in ein ausdruckbares Bildschirmformular. Am Vorgang hat sich nichts geändert, nur die Ausführung ist instabiler geworden (abstürzende Rechner, Übertragungsfehler beim Drucken, Arbeitsstillstand bei Stromausfall). Darüber hinaus kann alles berufsrelevante Wissen über den Computer in einem Sommerseminar nach der Schule erlernt werden.

Es stellt sich die dringende Frage, was man für das Geld, dass, wenn nicht in den Erwerb, dann doch zumindest in die Wartung gesteckt werden muß, auslagert, dies wirft die Frage nach den Prioritäten, den Zielen der Schule auf.
Was ist das Allerwichtigste, was kommt danach? Und wie passen Computer dort hinein?
Als Allerwichtigstes sieht Herr Weizenbaum überall und immer das Lernen der eigenen Sprache, damit sie richtig gelesen und gesprochen werden kann.

Dann ist aus Sicht Herr Weizenbaums zu erinnern, dass der Mensch als hilfloses und unreifes Wesen geboren wird, dass die Zeit bis zur Pubertät braucht, in physischer und sinnlicher Hinsicht Erfahrungen zu machen, die auch als Quelle der Sprache dienen - wenn ich etwas erlebe und es mitteilen will, muß ich meine Fähigkeit der Wahrnehmung und des Ausdrucks verfeinern. Kinder lernen durch Erzählen, durch Beschreiben von Erlebtem, sie schulen selbst ihren Geist, wenn sie sich selber Witze ausdenken, Fragen stellen, Situationen beurteilen, die sie in der Realität erfahren haben.

Die Fixierung auf die Neuen Medien führt durch den großen Erfahrungsverlust zu einer Schädigung, die sich nicht direkt messen lässt, in Hinblick auf das Fehlen von Erfahrungen aber eingängig und nachvollziehbar ist:
In den USA sind Kinder im Alter von 4-10 Jahren am Tag durchschnittlich 4-5 Stunden mit Fernsehen oder am Computer, bevorzugt mit Spielen, beschäftigt. In Hinblick auf die Möglichkeit, in dieser Zeit statt dessen in Bäumen herumzuklettern, im Sand zu spielen, Wind und Wetter zu erleben, mit anderen zusammenzusein, freies Spiel zu üben, sich von der Wahrnehmung der Welt leiten zu lassen, ist diese Zeit "gestohlene Zeit" vom Lebens der Kinder. Spätestens zum Eintritt der Pubertät, in der auf der Wahrnehmungsebene die physikalischen/biologischen Grundlagen des Körpers neuen Erfahrungen nicht mehr zugänglich und dadurch veränderbar sind, ist die Möglichkeit, an der Welt zu wachsen, in dieser Hinsicht verloren.
Das Kind lernt von den Eltern, den Computer und das Fernsehen als Hauptquelle für das Wissen über die Welt anzunehmen. Die wirkliche Realität wird weniger erfahren. Der Bildschirm wird zunehmend zur Quelle der Wahrheit, andere Quellen werden ausgeschlossen. Die Möglichkeit zur Beurteilung von Informationen schwindet ebenfalls durch den Mangel an realen Erfahrungen.

Über den Verlust der Möglichkeit, die Welt und ihre Inhalte selber und unvermittelt zu erfahren, hinaus ist für Herrn Weizenbaum auch die persönliche Botschaft, die Eltern ihren Kindern bei dieser Art der Mediennutzung vermitteln, bedenklich: das Kind wird "an eine Kiste abgeschoben", und dies bedeutet gleichermaßen "ich will mich nicht mit dir befassen" - "ich will dich nicht".

Abschließend kam Herr Weizenbaum noch einmal auf die Möglichkeiten der Schule zurück, wie sie das derzeit in Computer investierte Geld anders und effektiver im Sinne ihrer Ziele, vor allem des Spracherwerbs und der Fähigkeit, aus Erfahrung gewonnene Fertigkeiten zur Informationsverarbeitung zu erlangen, nutzen könne:

zum einen gibt es gerade in Berlin neben einer Reihe von arbeitslosen Lehrern und Lehrerinnen die ihnen gegenüber stehende Masse an Kollegen und Kolleginnen in fester Anstellung, die aus Mangel an Beschäftigten ohne Bezahlung die brachliegenden Stunden umsonst unterrichten sollen. Hier wäre es wesentlich sinnvoller, durch Anstellungen die Unterrichtsausfälle ohne Zusatzbelastung des Kollegiums auszugleichen.

Des weiteren fehlt es an allen Ecken und Enden an Lernmitteln, die Bibliotheken haben kaum noch Mittel, ihren Bestand zu aktualisieren. Vom Zustand der Gebäude, die zum Teil völlig verwahrlost sind, ganz abgesehen (oder auch die Praxis, gut beleumundete kleine Schulen in unübersichtliche, anonyme große Schulen mit den nachfolgenden Problemen steigender Gewalt- und Drogenkriminalität auf den Schulhöfen zu verwandeln).

Über die Anwendung des Internets an Schulen erläuterte Herr Weizenbaum seinen vielzitierten Ausspruch, dies sei ein Misthaufen - man könne aber auch Perlen und Gold darin finden.

"Um vom Internet Nutzen zu haben, muß man wissen, wie man etwas findet. Um etwas zu finden, muß man gute Fragen stellen können. Eine gute Frage ist wie ein Experiment in der Physik: man muß viel wissen, man muß Erfahrung haben und man muß sein Ziel kennen.
Leider ist das Internet ein Massenmedium. Alle Massenmedien sind zu 90% Schrott."

Im Anschluß an den Vortrag wurden einzelne schon beschriebene Punkte noch einmal genauer beleuchtet und von Beispielen erhellt; so ist mir die Beschreibung in Bezug auf die Nützlichkeit von Wissen über Computer sehr im Gedächtnis geblieben:
Wenn man an einem eisigen Tag mit einem computergesteuerten Bremssystem im Auto mit Herrn Weizenbaum durch die Berge fährt, verlässt man sich dann darauf, dass er einem erklären kann, wieso das Bremssystem jetzt nicht funktioniert, oder möchte man gerne wissen, ob er ein erfahrener, wettersicherer Autofahrer ist? Dieses Beispiel erläuterte noch einmal anschaulich den Aspekt des möglichen Nutzens fraglicher berufsvorbereitender Computerkenntnisse aus der Schule im Gegensatz zu praktischen Erfahrungen, die man auch in der Schule in verschiedenen Bereichen erlernen könnte.

Eine weitere Frage aus dem Publikum, die über die Gründe der inhaltlichen Kritik und Ablehnung einer Technik Auskunft haben wollte, die Herr Weizenbaum selbst mit entwickelt und gestaltet hat, wurde ebenfalls anschaulich erklärt: die Anfänge des Internets waren eine Vernetzung von verschiedenen Universitäten zum schnelleren Austausch und zur experimentell-rechnerischen Arbeit. Es war kein Massenmedium, in dem "gechattet-gequasselt" wurde, sondern selbst die Entwicklung von internetfähigen Computerspielen zwischen einzelnen Wissenschaftlern erfolgte im spielerischen Versuch, mathematische und physikalische Gesetzmäßigkeiten in ihrer Anwendung auszuprobieren. So ergab sich über das Internet die Möglichkeit, Erfahrungen zu machen. Herr Weizenbaum beschrieb, wie ihm bestimmte physikalische Abläufe erstmalig aus dem Abstrakten in eine praktische Vorstellung übergingen, erfahrbar wurden, als er für ein Spiel eine bestimmte Berechnung entwickeln und anwenden musste. Dies ist auch heute noch im Internet möglich, wenn man mit Wissen und einer zielorientierten Frage herangeht. Aber dies ist eben nicht der Bereich, den das Massenmedium abdeckt.

An weiteren Redebeiträgen aus dem Publikum, die ihre positiven Erfahrungen in der Schularbeit mit Computern beschrieben, konnte Herr Weizenbaum darlegen, an welcher Stelle die Lehrer Wissen, Information und Erfahrung sowie Sprachfähigkeit schon vorher aufgebaut hatte, so dass der Computer durchaus als "Perle" im Unterricht glänzen konnte - was an den Lehrern und Lehrerinnen, nicht am Computer lag.

Herr Weizenbaum beendete seinen Vortrag und die Diskussion mit einem Satz zur grundlegenden Haltung in seiner Arbeit und seinem persönlichen Engagement:
"Wir leben in einer Welt, die wir selbst hergestellt haben, und wir sind für diese Welt auch verantwortlich".

Der Abend ging unter anerkennendem Applaus für Herrn Weizenbaum zu Ende - und wurde aus meiner Erinnerung heraus aufgezeichnet.

Berlin, im Oktober 2001
Helga Zeike

Die Persönlichkeit von Professor Weizenbaum hat uns fasziniert. Er sprach sehr anschaulich und schlicht, und vor allem die Anekdoten über die Zeit der ersten Entwicklungen des Internets haben den Unterschied von "Perlen" im "Misthaufen", wie er das Internet heute ironisch beschreibt, deutlich gemacht. (Es ist schon ein Riesenunterschied, ob ein Medium als Werkzeug mit inhaltsreichen Informationen genutzt oder als Ablenkung und völlig ohne Kreativität und Inhalte benutzt wird.)
Besonders seine Bereitschaft, kritisch mit seiner eigenen Wissenschaft und den Produkten seiner Forschung umzugehen und sich nicht von politischen oder wirtschaftlichen Interessen vereinnahmen zu lassen, ist bewundernswert und motivierend. Er kann auch Zukunftspessimisten Mut zum aufrechten Vertreten des eigenen Standpunktes verleihen - eine Notwendigkeit für eine positive Entwicklung in der Gesellschaft im Umgang mit Medien allgemein und dem Internet im Besonderen.